Die Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzerkrankungen und kann die Lebensqualität Betroffener erheblich einschränken. In der Attacke ist es oftmals nicht möglich, familiären oder beruflichen Verpflichtungen nachzukommen oder auch nur Freizeitaktivitäten wahrzunehmen.
In der Beratung und Therapie stehen uns mittlerweile effektive Maßnahmen zur Akuttherapie und zur Prophylaxe zur Verfügung, die es uns oft möglich machen, die Lebensqualität erheblich zu verbessern. Nichtsdestotrotz müssen wir zugeben, dass es manchmal nicht gelingt, einen zufriedenstellenden Zustand zu erreichen.
Bedeutsam könnte in diesem Zusammenhang die sogenannte Prodromalphase sein, die bereits viele Stunden vor der eigentlichen Attacke einsetzen und sich durch Symptome wie Heißhunger, Müdigkeit, Gähnen oder emotionale Schwankungen äußern kann.
An dieser Stelle setzt eine aktuelle Arbeit von Saulius Andruškevičius et al.¹ an. Da Vorbotensymptome oft nicht zuverlässig wahrgenommen werden, wurde der Versuch unternommen, Veränderungen der Funktionen des sogenannten autonomen Nervensystems zu erfassen.
Die Kollegen formulierten die Hypothese, dass durch die Aufzeichnung entsprechender Körpersignale über alltagstaugliche Messgeräte am Handgelenk Kopfschmerzattacken vorhergesagt werden können. Neben dem reinen Aufzeichnen ist zum Gelingen auch ein individueller Lernprozess mittels eines KI-Prozesses notwendig. Auf diese Weise soll die Software lernen, ob und, wenn ja, welche Veränderungen vor dem Einsetzen der Attacke auftreten.
In der Tat konnte gezeigt werden, dass nach einem Lernprozess Attacken bei einem großen Teil der Gruppe recht zuverlässig vorhergesagt werden konnten. Die Anzahl der eingeschlossenen Teilnehmer war allerdings noch zu gering, um hieraus eine Übertragbarkeit auf sämtliche Migränepatienten abzuleiten.
Nach meiner Einschätzung handelt es sich hierbei um einen sehr interessanten Ansatz, der unbedingt weiterverfolgt werden sollte, um insbesondere den Patienten, die unter wenigen, aber intensiven Attacken leiden, eine verlässliche Möglichkeit zu geben, diese möglichst früh, vielleicht sogar schon vor Einsetzen des Kopfschmerzes, effektiv zu behandeln.
Wir bleiben gespannt und interessiert!
Dr. med. Christoph Kleinen
¹ Andruškevičius S, Kapustynska V, Abromavičius V, Schytz HW, Ryliškienė K. Migraine attack prediction using wearable biosensor data. Cephalalgia. 2026;46(9). doi: 10.1177/03331024261492220